KI in Kunst erleben

KI in Kunst erleben

Für das Mittelstand 4.0 – Kompetenzzentrum Kommunikation habe ich einen Artikel zur Arbeit “Untitled” des brasilianischen Kreativ-Trios Graziele Lautenschlager, Ajna Radamés und Fabrizio Poltronieri geschrieben. Die kurze Projekteinführung erschien heute in der Druckversion beim Mittelstand 4.0 Projekt und ich poste hier für euch die etwas längere Version eines zusammenführenden Projekts, in dem eine KI mittels eigener Video-Auswahl Gedichte interpretieren kann.

Kristina Bodrozic-Brnic

Die Künstliche Intelligenz (KI) in der Bildenden Kunst ist kaum älter als die Anwendung von KI in anderen Wissenschaften. Aber welche Wissenschaft ist denn die Kunst? Vielleicht ist sie eine philosophische Wissenschaft der Erforschung von Grenzen unserer emotionalen und physischen Wahrnehmung. 

Erstmals tauchte eine uns vertraute Version von KI in der Kunst vor etwa dreizehn Jahren auf, wenn wir zum Beispiel an frühe Arbeiten des südkoreanischen Künstlers Minha Yang denken. Da aber die mathematische Kalkulation eines Rechners ein Vorläufer des so modischen Wortes Algorithmus ist, können wir die Idee gar bis in die 1960er Jahre zurückverfolgen, und die seither entstandene kollaborative Kunstkreation nennt sich Digitale Kunst. KI ist eine essentielle Erweiterung und auch Vertiefung der Digitalen Kunst, bei der oft eine kunstschaffende Person oder Gruppe eine Ausgangsidee formuliert und diese teils oder gänzlich mittels technologischer Möglichkeiten umsetzt. Das heißt, die Künstliche Intelligenz ist eine Materialerweiterung des Kunstschaffenden um unzählige Zusatzkomponenten. 

In den letzten Jahren erfährt nun auch die ganze Welt von dieser Zusammenarbeit zwischen Mensch und Algorithmus. In den Medien sieht man, wie kreative KI-Arbeiten Rekordpreise beim Auktionshaus Sotheby’s erreichen und man erfährt infolge, dass KI nun auch ‘selbstständig’ analysiert und bestimmt, was ein von Menschen geliebtes Gemälde sein könnte, wenn wir die Arbeiten eines AICAN (Artificial Intelligence Creative Adversarial Network) der Rutgers Universität sehen.

Das von mir begleitete Projekt “Untitled” wurde von Graziele Lautenschlager in Zusammenarbeit mit Fabrizio Poltronieri und Radamés Ajna Ende 2019 umgesetzt und erstmals auf dem Mittelstand Digital Kongress im Futurium in Berlin vorgestellt. Die algorithmische Arbeit “Untitled” war dazu in der Lage, eigenständig Worte des Gedichts “Traduzir-Se” (Sich Übersetzen) des brasilianischen Dichters Ferreira Gullar mittels automatisierter Online-Übersetzungen in fünf weiteren Sprachen, unter diesen auch die deutsche, mit Videosequenzen in Verbindung zu bringen. Es suchte sich also ein-sekündige Videoausschnitte heraus, die nach errechneter Analyse in der jeweiligen Sprache etwas mit dem vom Besucher angeklickten Wort zu tun hatten. Eine spaßige Sache, die aber je nach Ausgangssprache auch interessante und komische kulturelle Sachverhalte unserer Zeit darstellt, wie zum Beispiel das mehrfache Erscheinen mexikanischer Seifenopern bei dem Wort “Paixão” (Passion). Auf diese Weise begeben wir uns ganz leicht auf eine Reise um die Welt und müssen auch die Schnelllebigkeit unserer Zeit und die rasante Bilderflut, die aus dem Netz auf uns einströmt, einfach hinnehmen, vielleicht auch darüber reflektieren. Aber wie kommen drei brasilianische Kunstschaffende denn überhaupt auf eine solche Idee?

Meine Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst und digitalen Inhalten in Werke führte mich unter anderem zu der Digitalkünstlerin Graziele Lautenschlager, die ihre Arbeiten zwischen Rio de Janeiro und Berlin umsetzt. In ihren bis dahin ausgestellten Stücken ging es bereits um die Verbindung zwischenmenschlicher Kommunikation mittels digitaler Interpretation, und darüber hinaus waren integrative und soziale Aspekte für ihr Schaffen von Bedeutung. Mir war es wichtig, sie persönlich kennenzulernen und ihr vorzuschlagen, eine Arbeit für den Mittelstand Digital Kongress 2019 vorzubereiten, damit auch in diesem bisher der Kunst noch fremden Bereich verdeutlicht werden konnte, wie die Kunst mittels Programmierung gesellschaftlich relevante und nicht einmal so befremdliche Arbeiten produzieren kann. 

Bei unserem ersten Treffen in Berlin im späten Frühjahr 2019 schenkte ich Graziele ein Gedichtband und ich weiß nicht, ob dies der ausschlaggebende Punkt war, aber von da an stand fest, sie würde versuchen, Poesie mit visueller Interpretation in Einklang zu bringen, oder auch in ‘Dis-klang’. Im Laufe des Jahres lud sie den zwischen Berlin und Dubai pendelnden Künstler Fabrizio Poltronieri und den auf dem amerikanischen Kontinent aktiven Künstler Radamés Ajna dazu ein, ‘Untitled’ gemeinsam mit ihr zu schaffen. Die drei begaben sich vor ihre Rechner und ich hörte wochenlang nichts und bangte darum, dass die Arbeit noch rechtzeitig fertiggestellt werden könnte. Und das war sie! Die letzten Änderungen wurden noch in der Nacht vor ihrer Erstpräsentation vorgenommen und das Ergebnis war einladend und motivierend.

Für uns, die wir nicht selbst programmieren und deshalb manchmal über die Möglichkeiten der KI erschrecken oder gegenteilig auch deren Potential unterschätzen, ist bei “Untitled” deutlich spürbar, dass es der Mensch ist, der den initialen Input gibt und auch das Projekt lenkt. Die Künstliche Intelligenz braucht diese Symbiose. Ohne den Menschen hat ein Algorithmus keinen Sinn, kein Streben, keine Orientierung in seinem Suchen und Finden. Die Menschen unserer Zeit definieren Schwerpunkte, lehren was ‘richtig’ und ‘falsch’ ist, tauchen ein und korrigieren oder erweitern die unglaublich langen Rechnungen wenn nötig. Es ist also auch maßgeblich unsere Gesellschaft, die den Nutzen von KI im Alltag definiert, und mit dieser Gesamtverantwortung geht auch für den Einzelnen die Verantwortung einher, nicht außen vor zu bleiben. Denn nur wer versteht, was bei einer algorithmischen Berechnung eigentlich passiert, kann aktiv an der Entwicklung teilhaben. Deshalb ruft ‘Untitled’ zu mehr Neugier auf.